17
Jan

„Ein guter Ort“ zum Sterben Helles Haus für die letzte Lebensspanne – Ein Besuch im Chiemseehospiz

Bernau – Das Licht, von dem Hanna Martin spricht, scheint gerade unendlich weit entfernt. Die 75-Jährige spricht von jenem Leuchten, das eine kräftige Sonne auf helle Felsen und das Türkisblau des Meeres zaubert. Sie spricht über das Leuchten, das die Küsten des Mittelmeers so besonders macht. Draußen aber nieselt es. Von der Sonne keine Spur. Die Gipfel der oberbayerischen Berge sind in Wolken gehüllt. Graues Wetter, im Jahreslauf geht es aufs Ende zu.
Jedem Anfang, so heißt es, wohne ein Zauber inne. Und dem Ende? Trauer? Bedauern? Nichts von beiden liest man im Gesicht von Hanna Martin. Die 75-Jährige sitzt auf dem Sofa in ihrem Zimmer im Hospiz Bernau. Und sie sagt: „Ich habe nicht das Gefühl, etwas versäumt zu haben. Das sage ich gerade auch in meiner Situation.“
Vorkehrungen
treffen nur wenige
Ihre Situation ist besonders. Obwohl ihr kein Mensch entgehen kann. Jeder und jede weiß es. Und kaum jemand will sich damit befassen. Darüber nachdenken. Dafür Vorkehrung treffen. Es geht um die letzten Monate, Wochen, vielleicht Tage im Leben. Um die Schlussgerade. Die letzten Meter. Jeder erlebt ihn, den vielleicht intimsten Moment im Leben eines Menschen. Den Tod.
Wann und wo, das weiß kaum jemand. Anders als Frau Martin: Sie kennt zumindest den Ort. Sie wird, aller Voraussicht nach, hier sterben. In Bernau, im Chiemseehospiz. An einer ruhigen Straße mit Einfamilienhäusern, hinter deren Giebeln man den Chiemsee nur ahnt. Die Berge dagegen sieht man. Hanna Martin ist schwer krank, auf eine Gesundung sei nicht mehr zu hoffen. Deswegen ist sie umgezogen, ins Hospiz.
Man würde der Einrichtung unrecht tun, würde man sie als Haus zum Sterben bezeichnen. Es ist im Gegenteil ein Ort zum Leben. Ein heller Ort. Vor einem Jahr wurde das Haus eingeweiht. Mit einer Architektur, die unaufdringlich Akzente setzt. Schlichte Linien, es sind die Proportionen, die dem Gebäude Eleganz verleihen. Innen viel Holz, viel Glas. Von den Fluren aus blickt man in ein Atrium, durch das Tageslicht flutet.
Ein paar Tage zuvor ist Hanna Martin hier eingezogen. Eine schlanke Frau mit kurzen grauen Haaren und scharf geschnittenen Gesichtszügen. Sie war Erzieherin in einem Kindergarten in der Nähe vom Chiemsee, Skilehrerin und Surflehrerin, sie betrieb ein Hotel in Griechenland, lebte zuletzt auf der Peloponnes. „Berge, das Meer, das Nonplusultra“, wie sie sagt. Sie scheint das Leuchten von dort mitgenommen zu haben, es strahlt aus ihren Augen. Sie hat sich bereit erklärt, zu erzählen, wie es ihr im Hospiz ergeht. Drei- viermal, so haben wir es besprochen, werde ich sie in Bernau besuchen. Ihren Namen haben wir geändert, auf ihren Wunsch hin. Warum sie überhaupt über das Haus erzählen möchte? Weil sie findet, dass es bekannter werden sollte. „Es bräuchte mehr solche Einrichtungen“, sagt sie.
Aus Griechenland zurückgekehrt war sie wegen ihrer Krankheit. 2017 war Darmkrebs festgestellt worden. Im Mai hat sie nochmals eine Chemo über sich ergehen lassen, „und die habe ich überhaupt nicht vertragen.“ Die Schmerzen, der Schüttelfrost – alles zusammengenommen brachte sie zu ihrer Entscheidung: „Ich habe mich entschlossen, keine Chemo mehr zu machen.“ Auf der Palliativstation riet man ihr zum Umzug ins Hospiz.
Angemeldet war sie schon. Nun ist meist nicht gleich ein Platz frei, das Hospiz meldet sich bei den Menschen auf der Warteliste, sobald sie einziehen können. Nicht jeder leistet der Einladung dann gleich Folge, erzählt Hospizleiterin Wiedemann. Es sei, als ob die Menschen zurückschreckten. Vor der Endgültigkeit des Schritts, vor dem Siegel auf dem letzten Kapitel. Man zieht ein ins Hospiz, und dort wird es dann auch enden. Ich begleite die Leiterin auf einem Rundgang durchs Haus. Sie zeigt mir ein Zimmer, tritt ans Bett und zieht die Decke straff. Die Bewohnerin sei vorgestern umgezogen, sagt sie. Meine Frage nach dem Wohin beantwortet sie mit einem nach oben zeigenden Finger: „Vorausgegangen.“
„Es braucht mehr
solche Einrichtungen“
Auch Hanna Martin ist erst nach dem zweiten Anruf eingezogen. Jetzt ist sie zufrieden: „Ein guter Ort.“ Bei meinem dritten Besuch treffe ich sie nicht in ihrem Zimmer an, sondern im Speisezimmer. Eine Frau sitzt bei ihr, ihre Nachbarin. Auch der gefällt es, man werde individuell betreut, noch beim Essen werden Wünsche berücksichtigt. Die beiden scheinen sich gut zu verstehen. Die Nachbarin macht einen Witz über Martins Essgewohnheiten. „Fleisch ist dir wurscht“, sagt sie. Beide lachen und flachsen weiter. „Ich kann nicht ohne die Berge“, sagt Martin. „Aber die Berge können ohne dich“, sagt die Nachbarin und lacht. Martin lächelt.
Mit den Schmerzen gehe es meistens, erzählt sie bei meinem dritten Besuch. Man hat ihr eine Schmerzpumpe gelegt. Dadurch gelangen die Medikamente direkt in die Blutbahn und wirken schnell. So weit ist Martin ganz zufrieden. Einerseits. Andererseits ist es schon so, dass der Tag einem lang werden kann, wenn man so viel Sport gemacht hat wie sie. Wenn man so aktiv gewesen ist.
Was tut sie die ganze Zeit? „Eine gute Frage“, sagt sie, denkt kurz nach. „Kreuzworträtsel lösen, spazieren gehen, die Berge anschauen, von der Terrasse aus.“ Sie kommuniziert mit Freunden und Bekannten über Whatsapp, auch mit ihren Freunden in Griechenland, mit Angehörigen, erhält Besuch. Am häufigsten ist ihre Tochter da.
Sie könnte auch schreiben oder zeichnen oder Aquarell malen. „Kreativ sein? Dazu habe ich keine Lust mehr“, sagt sie. „Oder keine Kraft.“ So energisch sie sonst wirkt, diesmal scheint sie alles zu spüren: das Alter, den Krebs. „Ich war ein bisschen wacklig auf den Beinen heute.“
Über Whatsapp in
Kontakt mit Freunden
Sie könnte auch mit dem Pfarrer sprechen. Allein, sie hat mit „dieser Institution nichts am Hut.“ Also liest sie lieber. Derzeit bevorzugt sie Krimis. „In meiner Situation braucht man was Ablenkendes.“ Von dem, was auch die Frau im Nachbarzimmer umtreibt: das Wissen darum, wie die Lebensspanne abnimmt und schrumpft. Dass ein Frühjahr sein wird, und man wird nicht mehr sein.
Die Menschen, die im Hospiz arbeiten, seien so liebevoll, sagt die Nachbarin. „Das ist wichtig, gerade wenn es so ist“ – ihre beiden Hände schiebt sie über den Tisch aufeinander zu, bis sich die Fingerspitzen berühren. Aus. Weiter geht es nicht mehr. Sie habe ein „abenteuerliches Leben gelebt“, sagt wiederum Hanna Martin. „Das ist doch das, von was man lebt, ganz am Ende.“
Zu einem weiteren Besuch ist es nicht mehr gekommen. Kurz nach unserer Unterhaltung hat sich Frau Martins Zustand rapide verschlechtert, in den letzten Tagen hat sie ihr Bett gar nicht mehr verlassen können. An einem Abend im November ist sie gestorben. Ihre Tochter saß zuletzt jeden Tag an ihrem Bett. Sie sei dankbar, sagt sie. Dafür, „dass ich meine Mutter noch so verabschieden konnte.“

 

„Der Tod hat nichts Beängstigendes für mich“

Hospiz-Leiterin Ruth Wiedemann im Interview

Ihr Job ist ein besonderer. Welche besonderen Voraussetzungen benötigen Sie und Ihre Mitarbeiter?
Um in einem Hospiz zu arbeiten, brauchen wir Fähigkeiten wie Verantwortungsbereitschaft, Entscheidungsfähigkeit und selbstständiges Arbeiten. Wir brauchen hohe Fachkompetenz, pflegerisch wie medizinisch, soziale und kommunikative Kompetenzen. Wir brauchen Empathie, Wahrhaftigkeit, Achtsamkeit, Geduld, Toleranz, Aushalten können, Zuhören können. Ich denke auch die Akzeptanz, dass das Leben endlich ist, und dass manches ist, wie es ist, und wir darauf keinen Einfluss haben. Und nicht zu vergessen Humor, Lebensfreude, Dankbarkeit, Teamfähigkeit und Menschenliebe.

Was tröstet Menschen in den letzten Tagen ihres Lebens?
Das ist sicher individuell. Für manchen ist es das Wissen, dass immer jemand da ist. Für andere das Wissen, dass alles geregelt ist, die Angehörigen sich verabschiedet haben, noch etwas ausgesprochen wurde. Einige sind erleichtert, wenn sie hören, dass es in Ordnung ist, wenn sie Ängste oder ihren Ärger zeigen, die sie fühlen, weil sie gehen müssen. Und von manchen hört man einfach, dass sie ihr Leben als vollendet sehen und einverstanden sind, dass es jetzt zu Ende geht.

Der eine oder andere Gast wächst einem sicherlich ans Herz. Wie gehen Sie mit der Trauer um?
Die Beziehung, die wir mit jeder Begleitung eingehen, ist begrenzt. Wir wissen, dass wir uns nach einiger Zeit von dem Bewohner verabschieden werden. Das ist die Grundlage dieser Beziehung. Ich würde das Gefühl bei mir nicht als Trauer bezeichnen, wenn ein Bewohner verstirbt. Eher als Abschied. Eine gemeinsame Zeit geht zu Ende. Bei einem jungen Bewohner macht das durchaus betroffen und ist traurig. Mehr steht, so denke ich, das Mitgefühl für Hinterbliebene, Eltern, Geschwister und Freunde im Vordergrund. So gesehen sind unsere Bewohner wirklich eher Gäste. Sie bleiben einige Zeit und gehen dann wieder. Nur eben endgültig.

Unser aller Leben ist endlich. Hat Ihre Arbeit hier Ihre Einstellung zum Leben und zum Tod geändert?
Ich arbeite seit mehr als zehn Jahren in diesem Bereich und ich sage ja, auf jeden Fall. Die vielen Verstorbenen, die ich gesehen habe, hatten einen friedlichen, entspannten Ausdruck. Der Tod hat nichts Beängstigendes für mich. Manchmal eher etwas Beruhigendes, Erlösendes, Befreiendes. Den Tod regelmäßig wahrzunehmen, auch immer wieder einen frühen Tod, macht einem die eigene Endlichkeit bewusster. Ich würde sagen, ich lebe authentischer, zufriedener und dankbarer als früher. Was natürlich auch damit zusammenhängen wird, dass ich älter werde und zunehmend weiß, was mir persönlich wichtig ist.

Interview und Text: Michael Weiser, OVB Rosenheim, erschienen am 15.01.2022

Aufnahme im Chiemseehospiz Bernau

Das Chiemseehospiz nimmt Menschen über 17 Jahren, mit fortgeschrittener und fortschreitender Erkrankung auf, die nur eine sehr begrenzte Lebenserwartung haben, bei denen keine Aussicht auf Heilung besteht, eine palliativ-pflegerische bzw. palliativ-medizinische Versorgung notwendig ist und eine Krankenhausbehandlung nach § 39 SGB V nicht erforderlich ist. Voraussetzung für die Aufnahme ist, dass die Betreuung zuhause nicht mehr sichergestellt werden kann und auch durch eine stationäre Pflegeeinrichtung nicht adäquat abgedeckt werden kann. Die Einweisung erfolgt über den Hausarzt, oder Ärzte aus dem Krankenhaus.

Aufnahmekriterien sind

eine progrediente, weit fortgeschrittene Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung (von wenigen Tagen, Wochen oder Monaten), wie onkologische Erkrankungen mit Symptomlast, AIDS, neurologische Erkrankungen, Nieren-, Herz-oder Lungenerkrankung im Endstadium.

Aufklärung über Erkrankung und deren Prognose (Patient bzw. auch rechtliche Vertretung)

Einverständnis des Betroffenen zur Aufnahme im Hospiz

ambulante Versorgungsmöglichkeiten sind abgeklärt und ausgeschöpft, die Versorgungsmöglichkeit im Heim ist aufgrund der aktuellen oder zu erwartenden hohen Versorgungsanforderung ausgeschlossen und/ oder aufgrund der Situation und Symptomlast nicht angemessen

Aufnahmeprocedere

telefonische Anfrage, ob ein Hospizplatz frei ist
Fax an uns mit Notwendigkeitsbescheinigung, die der einweisende Arzt ausfüllt und Antrag nach §39a, die der Betroffene oder sein/e Bevollmächtigte/r ausfüllt
suchen eines neuen Hausarztes vor Ort, falls der bisherige die Betreuung im Chiemseehospiz in Bernau nicht übernimmt
die Aufnahme erfolgt nach Genehmigung durch die Krankenkasse
Das Chiemseehospiz möchte Menschen, egal welcher Herkunft oder Religion, die diese Kriterien erfüllen, ein sicheres Zuhause für die letzte Lebensphase bieten.

Kontakt und Anfahrt zum Chiemseehospiz Bernau

GESCHÄFTSSTELLE

CHIEMSEEHOSPIZ BERNAU
Baumannstraße 56
83233 Bernau

Tel.: 08051 - 96 18 55 -0